Wie Brienz fast zum Musikwinkel der Schweiz wurde…

Es sind düstere Jahre, kurz nach dem zweiten Weltkrieg an der Schwelle zum Kalten Krieg. Der Eiserne Vorhang ist schon fast gezogen. Die Planwirtschaft fällt über den noch stolzen Musikwinkel Deutschlands um Markneukirchen an der Tschechischen Grenze und bedroht die vogtländischen Handwerker der Musikinstrumentenbau-Industrie. Teils finden Geigenbauer, Gitarrenbauer und Bogenbauer eine Zuflucht in Westdeutschland. Einige erträumen sich aber eine Zukunft in der vom Krieg verschonten Schweiz…

In den Anfängen wollte die Geigenbauschule diverse Instrumente herstellen.
In den Anfängen wollte die Geigenbauschule diverse Instrumente herstellen.

Zu dieser Zeit war die vormals private Geigenbauschule in Brienz gerade verstaatlicht worden. Diese erste und einzige Fachschule für Geigenbau der Schweiz wurde im sogenannten „Landigeist“ vom Verein „Freunde der Schweizer Geige“  im Jahre 1944 gegründet, unter anderen mit Adolf König, Geigenbauer und mit Professor Heinrich Hanselmann, Pädagoge, Geigensammler und Geigenliebhaber. Dies auch mit Hilfe von Regierungsrat Gafner, der Arbeitsplätze ins östliche Berner-Oberland bringen wollte, wie Hans Rudolf Hösli an der Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der Geigenbauschule Brienz erzählt.

Eröffnungsrede von Hansruedi Hösli
Eröffnungsrede von Hansruedi Hösli

 

An diesem schönen Fleck der Welt wäre eine Musikinstrumentenbau-Industrie eigentlich Ideal gewesen. Holz, Holzarbeiter waren schon da. Doch die 120 vogtländischen Arbeiter und Ihre Familien waren den Einwohnern der kleinen Bergseegemeinde Brienz nicht genehm. Hans Rudolf Hösli, der aktuelle Schulleiter, sagt mit einem bitterbösen schmunzeln: „Die Ansiedlung von ausländischen Spezialisten scheiterte schliesslich aber am Vorstellungsvermögen der Brienzer Bevölkerung.“

Wurde aus dem Schweizer Musikwinkel wirklich nichts? Naja, ein Musikwinkel ist das Dorf im Berner Oberland nicht wirklich geworden… Doch nicht ganz ohne Stolz erwähnt Hans Rudolf Hösli die insgesamt 180 ausgebildeten Geigenbauer und Geigenbauerinnen, die man heute auf der ganzen Welt findet. Zuletzt zeigt er mit Genugtuung am Beispiel der Bogenwerkstätte AG in Schwanden bei Brienz, die heute in 5. Generation geführt wird, wie auch der Musikinstrumentenbau hätte aufblühen können… wenn nur der Mut und die Weitsicht nicht gefehlt hätten…

Poster nach der (Wieder)-Privatisierung der Geigenbauschule ab 1996
Verschiedene Poster nach der (Wieder)-Privatisierung der Geigenbauschule Brienz ab 1996

Die Vernissage der Ausstellung zur Geschichte der Geigenbauschule Brienz fand im Anschluss an die Kick-Off Veranstaltung für die Bildungsreform des Berufs Geigenbauer EFZ/Geigenbauerin EFZ statt.

Die Geigenbauschule Brienz heute - Swiss School of Violin Making
Die Geigenbauschule Brienz heute – Swiss School of Violin Making

Weiterführende Links:

Geigenbauschule Brienz: www.geigenbauschule.ch

Musikwinkel: https://de.wikipedia.org/wiki/Musikwinkel

Ausfühlichen Artikel von Hansruedi Hösli über die Geschichte der Geigenbauschule Brienz:  http://www.geigenbauschule.ch/deutsch/pdf/Streichinstrumentenbau%20in%20Brienz.pdf

Ein Kommentar, sei der nächste!

  1. Das ist ein spannender Artikel. Geigenbaufirmen führen ja ein Nischendasein im öffentlichen Bewusstsein, aber dennoch stehen gerade sie für eine gewisse regionale Kultur, die nicht wegzudenken ist. Schön, dass die Schweiz auch ihre eigene Geigentradition hat, auch wenn sie teilweise erst durch die schlimmen Jahre des zweiten Weltkriegs erzeugt worden waren.

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